Dießen – Kaum färbt sich das erste Ahornblatt golden, erwacht er wieder aus seiner sommerlichen Ruhe: der Laubbläser. Noch bevor Amsel und Eichhörnchen ihren Frühdienst antreten, steht er mit röhrendem Motor und missionarischem Eifer bereit, um den letzten Rest Natur aus unseren Straßen zu pusten. Sein Motto: Ordnung muss sein – auch wenn sie lärmt.
Man kann die Jahreszeit inzwischen nicht mehr am Kalender, sondern am Dezibelpegel erkennen. Früher raschelte der Herbst, heute dröhnt er. Statt dem leisen Teppich bunter Blätter liegt nun ein aufgerautes Gemisch aus Staub, Benzin und Halbtönen von Zweitaktmotoren über der Landschaft. Der Laubbläser, dieses Symbol deutscher Gründlichkeit, duldet keinen Zufall und schon gar kein Blatt vor der Tonne.
Dabei ist sein Einsatzgebiet grenzenlos. Mit stoischer Konsequenz werden Blätter von Gehweg zu Straße, von Straße zu Hof, von Hof zu Nachbars Einfahrt und wieder zurück getrieben – ein ewiger Kreislauf der Zwecklosigkeit, angetrieben vom Glauben an die absolute Sauberkeit. Das Ergebnis: ein glänzend leergefegter Bürgersteig, der fünf Minuten später aussieht wie zuvor.
Doch vielleicht steckt ja mehr dahinter. Vielleicht ist der Laubbläser gar kein Werkzeug, sondern ein Ventil – eine akustische Therapie gegen das Chaos der Welt. Wer bläst, der schweigt nicht. Und wer lärmt, beweist Handlungsfähigkeit, wenigstens im eigenen Garten.
So betrachtet, ist der Laubbläser ein moderner Philosoph. Er fragt nicht nach dem Sinn, er pustet einfach weiter. Und irgendwo zwischen Kastanie und Gullideckel rauscht die Erkenntnis: Die Stille ist das schönste Geräusch des Herbstes – man hört sie nur nicht mehr.
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