St. Ottilien – Iris Berben liest sehr berührend beim "Befreiungskonzert" der Ammerseerenade gestern Abend in der Klosterkirche von St. Ottilien aus dem Buch „Von den Befreiern vergessen" von Robert L. Hillard. Dieser findet am 27. Mai 1945 auf einer Wiese in St. Ottilien eine eigenartige Szenerie vor: eine notdürftig aus Brettern und ausrangiertem Fallschirmstoff gezimmerte Bühne, vor die Reihen von Holzstühlen gestellt sind: „In den Gängen zwischen ihnen, auf den Stühlen und auf dem Gras standen, saßen, gingen, lehnten und lagen Hunderte spindeldürrer, abgemagerter, blasser, skeletthafter und ausdrucksloser Gestalten, alle in schwarzweiss – den gestreiften Uniformen der Konzentrationslager. Sie bewegten sich kaum und wo sie es taten geschah dies wie in Zeitlupe… Vierhundert von ihnen, die Überreste von Millionen. Vierhundert an diesem Spätfrühlingstag in Bayern, am Nachmittag des 27. Mai 1945; krank, ausgehungert, zerlumpt, sterbend.
Und was taten sie? Sie gaben ein Konzert!"
1945 werden KZ-Häftlinge mit dem Zug vom KZ Dachau in das Außenlager Kaufering verlegt. US-Soldaten bombardierten diesen Zug in der Annahme, dass er Munition geladen hat. Die schwer verletzten Menschen wurden in das Wehrmacht-Lazarett St. Ottilien gebracht und dort medizinisch versorgt.
Im Kloster St. Ottilien entsteht ein Hospital, in dem in den Jahren 1945-1948 tausende Holocaust-Überlebende, sogenannte „Displaced Persons" betreut werden. Über 400 Ottilien- Babies kommen dort zur Welt. Es gibt eine Jüdische Schule, einen Jüdischen Kindergarten.
In St. Ottilien wird der erste jüdische Talmud nach dem Krieg gedruckt. Hier spielt sich jüdisches Leben ab.
Das festliche Erinnerungskonzert unter Schirmherrin Dr. h.c. Charlotte Knobloch stellt den Höhepunkt der diesjährigen Ammerseerenade dar. Es findet statt vor dem Hintergrund des bundesweiten Themenjahres „1700 Jahren Judentum in Deutschland".
Vorgetragen vom Kammerorchester Prag und den Solistinnen Sharon Kam (Klarinette) und Elena Bashkirova (Piano) bereitet es den Zuhörern nicht nur höchsten Musikgenuss sondern setzt die Idee des Befreiungskonzertes als „Symbol für den Sieg des Lebens über den Tod" den damit verbundenen Jubel und die Freude, ausgezeichnet um.
Der Erzabt von St. Ottilien, Wolfgang Öxler betont in seiner Begrüßungsrede: „Die Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung". Er lädt uns ein, mit allem, was in uns befreit werden möchte. Öxler sieht in dem Befreiungskonzert eine „Botschaft des sich selbst Ermächtigen - Kultur ist für alle da."
Die neugotische Klosterkirche St. Ottilien bietet hierfür einen stimmigen Rahmen. Die Deckenbögen vermittelt Ruhe, Schutz und Leichtigkeit. Der Altar leuchtet golden und stellt einen warmen, freudigen und lebendigen Fixpunkt im Kontrast zum steingrau gehaltenen Kirchengebäude dar.
Wir freuen wir uns über ein wunderschönes Konzert und feiern den Triumph des Lebens über den Tod anstatt zu verzweifeln über die unerträgliche Grausamkeit, zu der wir fähig sind. Wenn 400 zerlumpte Gestalten, übrig geblieben sind von mehreren Millionen, entscheiden, zu musizieren, anstatt zu verzweifeln, dann lehrt uns das Demut. Demut vor unglaublicher Größe und Liebe zum Leben.
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Comments 1
Ganz tolle Veranstaltung! Sehr berührender Text!