Dießen – Kurz vor der Tagesschau, wenn das Land sich innerlich schon auf das Weltgeschehen einstellt – auf Klimagipfel, Börsenkurse, Wahlprognosen und das Wetter – kommt sie, die kleine menschliche Wahrheit des Vorabends: ein Sofa. Darauf sitzt ein Mann mittleren Alters oder eine Frau, die ausstrahlt, was die Werbebranche „Vertrauen" nennt. Sie sprechen mit dieser seltsamen Mischung aus Verlegenheit und Erleichterung über Dinge, über die man jahrzehntelang geschwiegen hat: Blähungen, Durchfall, Reizdarm.
Man hat ja schon viel gehört in der Tagesschau – Rentenlücken, Erderwärmung, Haushaltssperren. Aber kaum etwas ist so eindringlich wie das Bekenntnis eines Mitteleuropäers zu seinen Darmbeschwerden. Denn es ist intim, echt, beinahe zärtlich. Hier erzählt einer von sich, von seinem Leiden, von seinem Bauch. Und dann kommt die Erlösung: Er oder sie hat ein Mittel gefunden. Ein Präparat, das offenbar das Unmögliche möglich macht.
„Seit ich das nehme", sagt der Mensch im Werbefilm, „sind meine Beschwerden wie weg." Und da zuckt etwas im Ohr, denn das ist das Entscheidende: nicht „weg", sondern „wie weg".
Das „wie" – dieses kleine, scheinbar harmlose Wörtchen – ist das sprachliche Sicherheitsnetz, das zwischen Werbung und Wirklichkeit gespannt ist. Es erlaubt das Glück, ohne die Wahrheit zu verlieren. Es sagt: Natürlich sind die Beschwerden nicht wirklich weg, nicht verschwunden, nicht für immer fort. Aber sie fühlen sich so an, als ob. Und das ist in Zeiten wie diesen schon eine ganze Menge.
Vielleicht liegt darin sogar eine tiefe Weisheit. Wer kann schon von sich behaupten, dass seine Sorgen, seine Ängste, seine Lebensprobleme weg sind? Höchstens „wie weg". Das Konto ist nie ganz in Ordnung, der Rücken nie ganz schmerzfrei, der Frieden nie ganz da. Aber manchmal – nach einem Spaziergang, einem Glas Rotwein oder eben einer Tablette aus der Fernsehwerbung – fühlt es sich so an, als wäre alles gut.
Das „wie" ist die menschlichste Silbe, die es gibt. Es nimmt den Druck aus der Perfektion. Es erlaubt uns, zufrieden zu sein, obwohl wir wissen, dass es nie ganz stimmt. Es ist der Kompromiss zwischen Traum und Tatsachenbericht. Zwischen Wunsch und Diagnose.
Vielleicht sollte man das „wie weg" zu einer Lebenshaltung machen. Nicht mehr fordern, dass alles verschwindet – das Bauchweh, der Stress, die Nachrichtenlage –, sondern sich freuen, wenn es sich wenigstens wie weg anfühlt.
Denn das echte „weg" ist ja eine Illusion. Nur in der Werbung, im Märchen oder im Jenseits gibt es das. Im wahren Leben dagegen bleibt alles ein bisschen da: das Ziehen, das Rumpeln, das Grummeln – im Bauch und in der Welt.
Und so sitzt man da, kurz vor der Tagesschau, schaut dem Mann oder der Frau auf dem Sofa zu, wie sie von ihrem neuen Wohlgefühl erzählen, und denkt: Vielleicht sollte man das auch probieren. Nicht das Präparat – das „wie".
Denn wer es schafft, die eigenen Probleme als wie weg zu empfinden, hat schon viel erreicht. Fast schon: als ob alles gut wäre.
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