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"Ernesto, der Seebär – Vom Tretauto zum Schlachtschiff" Teil 3: Hat sich mein Leben gelohnt? Folge 81

Ernesto R. Hofmann Graphik: Pax et Bonum Verlag

Folge 81

Nach dieser kleinen Einleitung komme ich zum Thema:

Der heiligste Augenblick unserer Arbeitswoche war Freitag, 10 Uhr. An diesem Moment wird in ganz Bayern die Weißwurst zelebriert, mit Händlmaiersenf und einem gscheiten Bier. Nun kommt da ein Mann aus dem hohen Norden und will da neue Methoden einführen, die so ganz und gar nicht der bayerischen Mentalität entsprechen. Als erstes meinte er, dass unsere Kundenbriefe zu höflich waren. Und so hielt der preußische Drill Einzug in unseren Hallen, was den BMW-Fahrer Willy Millowitsch dazu verleitete, unsere Autos künftig als „Bayerischer Mist Wagen" zu verunglimpfen. Aus war´s mit der bayerischen Gemütlichkeit, die vorher allseits respektiert wurde.

Es wurde ein renommiertes deutsches Wirtschaftsunternehmen rekrutiert, dessen Name von höheren Geländeerhebungen in Deutschland hergeleitet wurde. Es lud uns zu einem einwöchentlichen Seminar mit dem Ziel, unseren Briefstil zu verbessern. So zum Beispiel der Anfang eines Schreibens: „Sehr geehrte(r) Frau/Herr Sowieso, vielen Dank für Ihren Brief". Punkt Absatz. Für weitere Vorschläge waren wir inzwischen beratungsresistent. Schon mit diesem einzigen Satz war die Schmerzgrenze erreicht.


Wir hatten nach Ablauf dieses Seminars den Eindruck, dass der Seminarleiter, der übrigens sehr umgänglich, gelehrig und trotzdem Hamburger war, am Ende mehr von uns gelernt hatte als andersrum. Er hatte rechtzeitig verstanden, dass mit der Truppe nichts anzufangen war. Und so machten wir aus der Not eine Tugend, drehten den Spieß um und weihten ihn in das umfangreiche bayerische Brauchtum ein, damit auch er wenigstens ein Erfolgserlebnis vorweisen konnte und damit im hohen Norden als Botschafter Bayerns e.h. belegen konnte, dass die Bayern kein „krummbeiniges, hinterfotziges, zurückgebliebenes Bergvolk" wären, wie ein deutsches Kompendium aus dem 19 Jahrhundert noch versuchte, seinen Anwendern klarzumachen.

Es ging, Sie werden es erraten haben, um unsere geliebte Weißwurst. Wir hielten ihm ein Referat, was sich so alles rund um die Weißwurst dreht. Insbesondere, wann eine Weißwurst am besten schmeckt. Das sei der Freitagvormittag, so gegen zehn Uhr. Mit Händlmaiersenf und einer Maß Bier. Wir beschieden uns nur mit einer Halben. Das Zwölfuhrläuten darf eine Weißwurst in der freien Luft nicht mehr erleben. Mit dem Zeitpunkt wurde auch unser (überflüssiges) Seminar in dem Promihotel in Bad Aibling abgerundet. Das ging aber nicht ohne Kanten und Ecken.

Ich habe keine Ahnung, welcher ethnischen Volksgruppe der Chef des Hotels angehörte. Gehen wir mal vom Schlimmsten aus: Er war Bayer.

Das Wichtigste fehlte aber immer noch: Die Objekte, um die es ging. Unsere Weißwürschte. Mit Absicht. Wir hatten keineswegs vor, die Objekte unserer Begierde der gehobenen Preislage wegen später auf unserer Rechnung wieder zu finden. So entsandten wir einen unserer Kollegen nach Grafing in der Nähe von Bad Aibling, wo sein Onkel eine renommierte Metzgerei besaß.

Wenn wir nun dachten, die Hotelküche sei kooperativ und würde uns unsere Weißwürscht kochen, hatten wir den Geschäftssinn des Hotelmanagers unterschätzt. Also bereiteten wir unsere Weißwürscht im eigener Regie zu. Jeder seine zwei, drei Stück. Jedes Appartement hatte zwei Kochplatten, also waren heiße Weißwürscht das geringste Problem. Das unerwartete Problem selber sollte erst noch kommen: Der Chefkoch.

Der Hotelmanager hängte sich nach der Beschwerde seines Kochs ans Telefon und begehrte, getreu dem Motto: Nicht mit dem Schmiedl reden, sondern gleich mit dem Schmied", nach Herrn von Kuenheim.

Der gab sich entrüstet. „Denen werde ich Wind machen, die werde ich mir zur Brust nehmen", sinngemäß. Herr von Kuenheim war zu sehr Gentleman von ostpreussischem Hochadel, als dass er sich diesem Mann gegenüber in die Karten sehen ließ. Er erkundigte sich nach den Frevlern, die den Ruf der BMW so durch den Schmutz gezogen hatten. Die Antwort lautete: VK3. „Oh, ja, aham, soso, jaja, ich werde mich darum kümmern". Wir haben nie mehr etwas davon gehört. So war er, unser Boss! Er ließ nichts auf uns kommen. 

Fortsetzung folgt

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