Dießen – Es gab einmal eine Zeit, da konnte man warten. Auf den Bus, auf den Briefträger, auf die reife Tomate im Garten. Man nannte das Geduld – und sie galt als Tugend. Heute hingegen ist Geduld ungefähr so beliebt wie ein langsamer Fahrstuhl in einem Hochhaus mit WLAN-Störung.
Wir leben in einer Epoche der Sofortness. Alles muss jetzt passieren. Wenn der Online-Shop nicht binnen 24 Stunden liefert, ist das „inakzeptabel". Wenn die Mikrowelle 30 Sekunden länger braucht, fühlt es sich an wie Mittelalter. Und wenn die Ampel nicht sofort auf Grün springt, schaut man schon prüfend, ob der TÜV für die Geduld abgelaufen ist.
Geduld hat ihren Platz längst geräumt – zugunsten des Fortschritts. Früher wartete man auf den richtigen Moment. Heute wartet der Moment auf uns, und wenn wir ihn nicht sofort erwischen, gibt's ihn im Livestream zum Nachschauen. Selbst die Meditation gibt es inzwischen als App, mit Schnellmodus. Zehn Minuten Achtsamkeit in zweieinhalb Minuten – „effizient entschleunigt".
Vielleicht liegt das daran, dass Warten uns zwingt, allein zu sein mit uns selbst. Und das ist, in Zeiten von Dauerbeschallung und Push-Nachrichten, gefährlich still. Wer wartet, hört plötzlich Dinge, die kein Smartphone registriert: den eigenen Atem, das Ticken der Uhr, den Wind. Oder – Gott bewahre – das Denken.
Dabei ist Geduld eine erstaunlich kreative Kraft. Sie lässt Dinge wachsen, Geschichten entstehen, Ideen reifen. Ein Wein braucht Jahre, ein Baum Jahrzehnte, ein Mensch ein ganzes Leben, um auszuhalten, dass nicht alles sofort geschieht. Wer Geduld hat, hat im Grunde die Zeit selbst im Griff.
Doch wir, die Ungeduldigen, wollen die Zukunft downloaden, bevor sie fertig hochgeladen ist. Wir rütteln am Fortschritt wie Kinder an der Tür des Weihnachtszimmers – und wundern uns, wenn das Geschenkband reißt.
Vielleicht sollten wir also wieder üben, zu warten. Auf die Bahn, auf den Frühling, auf das richtige Wort. Geduld ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein stiller Luxus – der einzige, den man sich nicht per Express bestellen kann.
Oder, um es in moderner Sprache zu sagen: Chill mal. Die Geduld kommt gleich.
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