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"Er hatte sie alle". Folge 142: Interview mit Rammstein. Von Michael Fuchs-Gamböck

Jeden Tag lesen Sie auf aloys.news eine Folge aus dem Buch des Dießener Journalisten Michael Fuchs-Gamböck. Es trägt den Titel "Er hatte sie alle. 50 Geschichten aus 25 Jahren Rock 'n' Roll-, Rock- & Pop-Abenteuer" und ist vor drei Jahren erschienen.

Folge 142: Provokation um der Provokation willen: Rammstein erklären nur sich selbst, nicht die Welt.

Merkwürdige Karriere, das Ganze. Vielleicht sogar die merkwürdigste in der nationalen Popszenerie, die es jemals gab. Denn nach einigen Anlaufschwierigkeiten entwickelte sich die Platte mit dem altertümlich anmutenden Titel Herzeleid – Debütalbum des Ostberliner/Schweriner Sextetts Rammstein – im Verlauf des Jahres 1996 zu einem Megaseller. Herzeleid hielt sich nicht nur für etliche Wochen in den Top 50 der nationalen Charts und stieg innerhalb der zwei Jahre nach Veröffentlichung insgesamt fünf Mal in die Hitparaden ein, sondern verkaufte insgesamt mehr als eine halbe Million Exemplare. Selbst im Herbst 1997 war die Scheibe noch in den Top Ten der deutschen Album-Hitparade zu finden – zu einem Zeitpunkt, als die Nachfolgeplatte des Sechsers, Sehnsucht betitelt, in die Läden kam und sofort von null auf eins in die Charts einstieg.
Einige Wochen vor Veröffentlichung von Sehnsucht, im Sommer '97 hatte ich Gelegenheit, zwei Rammsteiner, den Gitarristen Paul Landers und den Schlagzeuger Christoph Schneider, im Büro ihres Managers im tiefsten Berliner Kreuzberg zum Gespräch zu treffen. Eine äußerst entspannte Angelegenheit!

Rammstein hatten in den Monaten zuvor für etliche Kontroversen im deutschen Blätterwald gesorgt, denn ihr kommerzieller Erfolg war dermaßen auffällig, dass kein Medium mehr an ihnen vorbeikam. So war in jener Zeit häufig von „Neo-Nazi-Rock" die Rede, von „gnadenloser Ästhetisierung des Faschismus", von „absolut sinn- und inhaltloser Kraftmeierei". So weit der Stern und der Spiegel über eine Formation, welche die Gemüter bis aufs Äußerste erhitzte.

Die Gruppe selbst hat sich stets als „moderne Entertainer" bezeichnet. Wobei es nicht immer leicht fiel, „Entertainment" zu assoziieren bei dieser so kontrovers diskutierten Gruppe. Zu viel Gewalt war da in den Texten, zu der nicht eindeutig Stellung bezogen wurde, zu viel Liebäugelei gab es da in den Texten mit wüsten Sexualpraktiken wie Pädophilie, Inzucht oder Nekrophilie, zu viel Blut wurde da vergossen, sinnloses Blut gelegentlich. Sprich: Zu viel spielte diese Band mit dem Feuer (im metaphorischen Sinne wie – ganz real – auf der Bühne), das von der Apokalypse gewärmt zu sein schien.

Dann gab's noch den Bandnamen, der an den unglückseligen, hessischen Ort Ramstein erinnert, in dem während einer missglückten Flugübung im Jahre 1988 knapp 70 Menschen ums Leben kamen. Und zu guter Letzt war da noch diese Bühnenshow, während der sechs halbnackte Männer mit ihren durchtrainierten Muskeln protzten, Feuerwerkskörper explodieren ließen und zu Beginn gar einen brennenden Menschen ans Mikro stellten, der Kryptisches von sich gab. War das Entertainment? Pure Show? Eine Koketterie mit dem „Bösen", was immer das sein mag?

Wie gesagt, Rammstein hatten sich von Beginn an nicht erklärt, nachdem sie sich '94 gegründet hatten. „Und wir legen darauf", hatte Keyboarder Flake mir schon in einem früheren Interview erklärt, „auch absolut keinen Wert. Nur halte ich es für hanebüchen, wenn ich Journalisten höre, die uns verbieten wollen. Ich denke, eine Demokratie muss Bands wie uns aushalten.

Ansonsten muss nämlich auch KISS verboten werden, wegen ihrer SS-Runen im Namen und wegen ihrer mit Feuer durchsetzten Bühnenshow. Und das hielte ich nun wirklich für äußerst bedenklich. Noch dazu, wo wir mehr als KISS zu bieten haben – nicht nur eine tolle Show, sondern darüber hinaus auch noch richtig gute Musik und spannende Texte.

Also nochmals – wir sind Entertainer. Wenn auch vielleicht die Entertainer unserer Generation. Und die ist eine andere als die vor 20 oder 30 Jahren."

Morgen beginnt das Interview 

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