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Interview mit Landrat Thomas Eichinger

Landrat Thomas Eichinger Foto: Landratsamt Landsberg

Thomas Eichinger, geboren 1974 in Schondorf am Ammersee, ist seit 2014 Landrat des Landkreises Landsberg am Lech und gehört der Christlich‑Soziale Union in Bayern an. Nach seinem Jura-Studium in München war er zunächst politisch im Gemeinderat und Kreistag aktiv, bevor er 2014 erstmals Landrat wurde. Seitdem engagiert er sich besonders in den Bereichen Gesundheit, Soziales und Digitalisierung und strebt bei der Kommunalwahl 2026 eine weitere Amtszeit an. 

aloys.news: Fuchstalbahn: Wie stehen Sie zur Reaktivierung der Fuchstalbahn zwischen Landsberg und Schongau – und welche konkreten Schritte würden Sie in der kommenden Amtszeit einleiten?

Thomas Eichinger: Die Idee der Reaktivierung der Fuchstalbahn ist ein nachvollziehbarer Wunsch: Eine Schienenverbindung zwischen Landsberg und Schongau würde die Region verkehrstechnisch stärken. Allerdings müssen wir ehrlich sein: Eine Reaktivierung stellt ein Millionenprojekt dar für das in der Trägerschaft eigentlich der Freistaat zuständig ist. Mit der Aufforderung an die Region selbst die Ertüchtigung der Strecke zu organisieren schiebt uns der Freistaat den schwarzen Peter der Infrastrukturfinanzierung zu. Wir brauchen deshalb eine seriöse Machbarkeitsstudie, die Kosten, Nutzen und Fördermöglichkeiten realistisch bewertet und eine klare Abstimmung mit den Kommunen die an der Strecke liegen über die Aufteilung der Kosten. Daneben gilt es auch den ÖPNV insgesamt zu entwickeln, bei dem wir zuletzt große Erfolge erzielt haben: Der MVV-Beitritt zum 1. Januar 2025 war ein Meilenstein – eine Tageskarte Landsberg–München kostet jetzt 18,50 Euro statt vorher 32,80 Euro. Diesen Weg gehen wir konsequent weiter.


Welche Lösung favorisieren Sie – Neubau, Sanierung oder dezentrale Struktur – und wie wollen Sie künftig Kostenkontrolle und Transparenz sicherstellen?

Das Votum von über 80 Prozent der Bürgerinnen und Bürger gegen den Lechkiesel war unmissverständlich. Ich respektiere dieses Ergebnis – ohne Wenn und Aber. Das Thema der vielen Aussenstellen ist damit aber nicht gelöst. Deshalb verfolgen wir einen pragmatischen Kurs: Wir haben Flächen am Papierbach erworben, ein Grundstück an der Lechwiesenstraße gesichert und Räume in der Hermann-Köhl-Straße sowie das ehemalige Kes-Lager in Landsberg angemietet, um den akuten Raumbedarf zu decken. Wir haben ein Gesamtkonzept, das alle Schritte – Sanierung, Erweiterung bestehender Standorte und moderate Neubaulösungen beinhaltet. Ein großes, zentrales Projekt als Verwaltungshauptsitz wird es nicht mehr geben. Zusätzlich setzen wir vermehrt auf Digitalisierung und flexible Arbeitsmodelle wie Homeoffice, um den Flächenbedarf insgesamt zu reduzieren. Die Verwaltung muss funktional und wirtschaftlich untergebracht sein ohne ein architektonisches Statement zu setzen.

Welche konkreten Maßnahmen planen Sie, um pflegende Angehörige spürbar zu entlasten?


Die pflegenden Angehörigen sind das Rückgrat unserer pflegerischen Versorgung – und sie verdienen deutlich mehr Unterstützung. Mit unserem Pilotprojekt der Quartierspflege schaffen wir aktuell unter anderem in Erpfting, Vilgertshofen, Egling und Geltendorf Strukturen, die Menschen möglichst lange in ihrem heimischen Umfeld halten sollen. In den Quartieren werden geringfügig Beschäftigte in unserem ambulanten Pflegedienst eingesetzt, um den Menschen bei der Bewältigung von Alltagsherausforderungen zu helfen. So verhindern wir, dass jemand in stationäre Pflege muss, nur weil er keine Angehörigen vor Ort hat, die ihn unterstützen können. Über die Gesundheitsregion Plus, die wir 2016 im Landkreis etabliert haben und unseren weiteren Inititiativen wie Pflegestützpunkt und Pflegeverbund konnten wir bereits weitere wichtige Projekte umsetzen: den Ausbildungsverbund Pflege, die Hebammen-Hotline und die Pflegeschule am Klinikum, die wir im Dezember eröffnet haben.
Im Gesundheitscampus am Klinikum Landsberg wollen wir mit einem privaten Pflegeheim den Ausbau der Kurzzeitpflege vorantreiben, damit Angehörige planbar Entlastungsphasen bekommen – das ist die häufigste Rückmeldung, die ich in Gesprächen erhalte. Auch unser Pflegeheim in Greifenberg werden wir mit einer Großinvestition auf den neuesten Stand bringen. Schließlich noch die Gewinnung von Pflegefachkräften: Mit unserer internationalen Fachkräftepartnerschaft Kosovo haben wir ein Pilotprojekt gestartet, bei dem seit Dezember 2025 erste Pflegefachkräfte im Kreisseniorenheim Theresienbad arbeiten. Dieses Modell wollen wir auf weitere Einrichtungen ausweiten.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist zudem eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Hier setze ich auf die Vorbildfunktion des Landratsamts als Arbeitgeber – mit flexiblen Arbeitszeitmodellen und Pflegelotsen, die Beschäftigte bei der Organisation der Pflege unterstützen.


Welche Möglichkeiten sehen Sie auf Kreisebene, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?


Der Wohnungsmarkt im Landkreis ist angespannt – mit Kaltmieten von durchschnittlich 13,50 bis 14,70 Euro pro Quadratmeter und in Neubauten teils über 19 Euro. Für Auszubildende, Pflegekräfte und junge Familien ist das eine erhebliche Hürde.
Die Planungshoheit und damit auch die staatliche Wohnbauförderung liegt in Bayern bei den Städten und Gemeinden – das ist sinnvoll, weil dort auch entschieden wird, wo gebaut werden darf. Als Landkreis können wir dort ansetzen, wo wir selbst Träger sind: Am Klinikum planen wir rund 120 Mitarbeiterwohnungen, für die wir ausnahmsweise eine Regierungsförderung erhalten können. Das ist ein konkretes Projekt, das Pflegekräften und Klinikpersonal direkt hilft.
Darüber hinaus will ich ein Azubi-Wohnheim auf den Weg bringen. Der Freistaat fördert über das Programm AzubiR jeden Wohnplatz mit bis zu 45.000 Euro. In einem Landkreis, in dem eine kleine Wohnung für einen Azubi fast das gesamte Nettoeinkommen verschlingt, ist das überfällig. Außerdem ermutige ich die Kommunen dabei, bestehende Förderprogramme des Freistaats und des Bundes konsequent auszuschöpfen – etwa die Bayerische Wohnraumförderung für einkommensorientierte Mietwohnungen.

 Wie sichern Sie langfristig eine wohnortnahe Versorgung im Landkreis?

Die Entwicklung unseres Klinikums zum Gesundheitscampus hat für mich oberste Priorität. Der geplante dreigeschossige Funktionsneubau mit rund 7.000 Quadratmetern Nutzfläche – neue Notaufnahme, zusätzliche OP-Säle, eine von 400 auf 1.100 Quadratmeter erweiterte Intensivstation – wird das Klinikum zukunftssicher machen. Die Förderzusage des Gesundheitsministeriums liegt vor, Baubeginn ist 2026/2027. Mit dem Aufstieg zum Level-2-Krankenhaus im Rahmen der Krankenhausreform sichern wir de facto den Bestandsschutz unseres Hauses.
Aber ein Klinikum allein reicht nicht. Über die Gesundheitsregion Plus haben wir Projekte wie die mobilen Retter und die Hebammen-Hotline etabliert. In der kommenden Amtszeit rücken drei Themen in den Fokus: die Sicherung der Hausarztversorgung – gerade in den ländlichen Gemeinden –, die Notarztversorgung und die Apothekenversorgung. Hier möchte ich über die Gesundheitsregion Plus gemeinsam mit den Kassenärztlichen Vereinigungen konkrete Anreizmodelle für Niederlassungen entwickeln.
Mit der Pflegeschule am Klinikum, der neuen Kinderpflegeschule ab Herbst 2026 und dem Robotik-Labor investieren wir gleichzeitig in die Fachkräfte von morgen. Der Gesundheitscampus-Ansatz – Klinik, Ärztehaus, Pflegeheim, Ausbildung an einem Ort – ist das zukunftsweisende Modell für den ländlichen Raum.

Wie wollen Sie Mittelstand und Handwerk fördern, ohne dass Infrastruktur, Natur und Lebensqualität darunter leiden?

Unser Landkreis profitiert von einer starken mittelständischen Struktur und einer außergewöhnlichen Lebensqualität zwischen Ammersee und Lech. Beides in Balance zu halten, ist unsere zentrale Aufgabe.
Mit der Wirtschaftsförderung des Landkreises, die wir aufgebaut haben, vernetzen wir nicht nur Betriebe und Kammern, sondern setzen konkrete Projekte um. Das Technologietransferzentrum der TH Augsburg in Landsberg bietet seit 2022 erstmals Studienmöglichkeiten vor Ort – im innovativen Work-&-Study-Modell für Data Science. Das ist genau die Brücke zwischen Hochschulbildung und regionaler Wirtschaft, die wir brauchen. Dieses Angebot will ich in der kommenden Amtszeit ausbauen.
Der laufende Ausbau der beruflichen Schulen – allein 50 Millionen Euro für die Generalsanierung – ist für unsere Handwerksbetriebe von zentraler Bedeutung, weil dort ihr Nachwuchs ausgebildet wird. Als Nächstes stehen die Werkstätten für Maurer und Kfz-Mechaniker an.
Beim Flächenverbrauch setze ich auf Innenentwicklung vor Außenentwicklung, auf Nachverdichtung und auf interkommunale Gewerbegebiete, die effizient mit Infrastruktur erschlossen werden können. Der Landschaftspflegeverband, dessen Vorsitz ich führe, leistet dabei wichtige Arbeit für den Erhalt unserer Naturräume.

Wie verstehen Sie Ihre Rolle – eher moderierend, steuernd oder gestaltend?

In zwölf Jahren als Landrat und davor 18 Jahren als Kreisrat habe ich gelernt: Ein Landrat muss alle drei Rollen beherrschen – und wissen, wann welche gefragt ist.
Moderierend, wenn es darum geht, die 31 Gemeinden des Landkreises zusammenzubringen und gemeinsame Lösungen zu entwickeln – etwa bei der Schul- oder Verkehrsplanung. Steuernd bei den originalen Kreisaufgaben wie der Krankenhausversorgung, dem Schulbau oder der Jugendhilfe, wo klare Priorisierung und wirtschaftliches Handeln gefragt sind. Und gestaltend, wenn es um die strategische Entwicklung des Landkreises geht – der MVV-Beitritt, der Gesundheitscampus oder das TTZ wären ohne aktive politische Gestaltung nicht zustande gekommen.
Meine klaren Prioritäten für die kommende Amtszeit sind: der Ausbau des Klinikums zum Gesundheitscampus, die Fertigstellung des Schulentwicklungsplans mit über 63 Millionen Euro Investitionsvolumen, eine wirtschaftlich tragfähige Lösung für die Verwaltungsgebäude und die Verbesserung des ÖPNV-Angebots. Als Vorsitzender der oberbayerischen Landräte und in Führungspositionen im bayerischen und deutschen Landkreistag kann ich zudem die Interessen unseres Landkreises auf Landes- und Bundesebene einbringen.


Welche Strategien verfolgen Sie, um mehr Arbeitsplätze und flexible Modelle im Landkreis zu stärken?

Viele Menschen in unserem Landkreis pendeln täglich nach München oder Augsburg – das kostet Lebenszeit, belastet die Infrastruktur und bindet Wertschöpfung an anderer Stelle. Der MVV-Beitritt hat die Fahrtkosten gesenkt, aber das eigentliche Ziel muss sein, mehr qualifizierte Arbeitsplätze und flexible Arbeitsmöglichkeiten vor Ort zu schaffen.
Das TTZ der TH Augsburg ist dabei ein strategischer Baustein: Es bildet Fachkräfte aus, die unsere Unternehmen brauchen, und zieht innovationsorientierte Betriebe an. Diesen Ansatz will ich nach dem erfolgreichen Modell des Landkreises Donau-Ries weiterentwickeln. Die Wirtschaftsförderung arbeitet gezielt mit den Kammern zusammen, um Betriebsansätze und Gründungen im Landkreis zu unterstützen.
Coworking-Spaces sind eine konkrete Antwort auf das Pendlerproblem. Das Ammersee Denkerhaus zeigt schon seit 2013, dass Coworking im ländlichen Raum funktioniert. Solche Angebote will ich unterstützen – gerade auch im westlichen Landkreis, wo die Anbindung schwächer ist. In Kombination mit dem Ausbau der digitalen Infrastruktur können wir es Menschen ermöglichen, wohnortnah zu arbeiten, ohne auf den Arbeitsmarkt der Metropolregion München verzichten zu müssen.
Am Ende geht es um eine kluge Mischung: starke berufliche Schulen für den Fachkräftenachwuchs, ein attraktives Hochschulangebot über das TTZ, eine aktive Wirtschaftsförderung und moderne Mobilitätsangebote, die den Landkreis als Arbeits- und Lebensort stärken.

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